Songs von der Wäscheleine


Auf der Bühne werkelt ein älterer Mann mit Mütze, als wir eine Viertelstunde vor Konzertbeginn die Kulturetage betreten. Der Saal ist bereits gut gefüllt, doch wir finden noch zwei gute Plätze ganz rechts in der dritten Reihe. Der Mann mit der Baseballmütze und der Buddy-Holly-Brille trägt ein rotes Sweatshirt über dem Hemd, eine zu kurze Hose und Armee-Stiefel. Er richtet das Licht, legt eine dicke Mappe mit losen Zetteln auf einen Hocker und stellt drei Flaschen Wasser bereit. Ich flüster‘ Sonja ins Ohr "Das ist Kurt Wagner", während wir es uns auf unseren Plätzen gemütlich machen. Sonja schaut mich ungläubig an und schüttelt den Kopf: "Nee, alles glaub‘ ich Dir nun auch nicht und das ist mit Sicherheit nicht Kurt Wagner." Meine Beteuerungen haben keinen Sinn, sie will mir nicht glauben. Seit sie mir abgenommen hat, dass Podolski und Klose beim WM-Spiel Deutschland gegen Polen für Polen auflaufen würden, ist sie meinen Aussagen gegenüber sehr skeptisch. Ich rede nicht weiter auf sie ein, denn sie wird sich bald selbst überzeugen können.

Der Mann mit dem roten Pullover – ich nenn‘ ihn einfach mal Kurt Wagner – hat sich einen Platz in der letzten Reihe im Schatten gesucht. Im Saal ist mittlerweile kaum noch ein Sitzplatz frei. Als plötzlich Gitarrenakkorde aus den Lautsprechen schrammeln, verlässt Kurt Wagner seinen Platz und fängt laut und ohne Mikro an zu singen. Laut singend schreitet er durch die Reihen – das Konzert beginnt. Als er die Bühne erreicht hat, öffnet er die Mappe mit den losen Blättern, nimmt den obersten Zettel heraus und hängt ihn an die vorbereitete Wäscheleine. Der erste Song ist zu Ende, das Licht geht aus und der Mann im roten Pullover – definitiv Kurt Wagner – setzt sich.

Ein Mann und seine Gitarre haben die Bühne erobert. Mit ruhigen Songs und seiner eindrucksvollen Stimme eröffnet Wagner das zweistündige Konzert. Erst nach drei Songs sucht er das Gespräch mit dem Publikum "If you have any questions, feel free to ask everything you want", fordert er die Oldenburger auf, die nach und nach aufweichen und den Mann aus Nashvile, Tennessee, ausfragen – von seinem ersten Song, von seiner Arbeit mit Lambchop bis hin zum Geheimnis, was sich unter seinem Markenzeichen – dem Baseballcap – befindet, ist an diesem Abend alles Thema. Kurt Wagner lässt sich Zeit und damit er beim Erzählen nicht zu ausufernd wird, hat er sich eine Eieruhr mitgebracht, die ihn daran erinnert, dass er hin und wieder noch ein bißchen Musik spielen muss.
80 Songs hat er mitgebracht, doch an der Songleine – an die er jeden gespielten Song heftet – werden nach Konzertende nicht mehr als 13 Songs baumeln.

Man spürt, dass es Kurt Wagner nicht nur um die Musik geht an diesem Abend. Es ist eine Tour, die ihn inspirieren soll. Normalerweise schreibe er seine Songs in einem dunklen Kämmerlein. Diesmal wolle er es anders machen und die Songs während einer Tour schreiben. Deshalb bekommen die aufmerksamen Zuhörer auch wenig Bekanntes zu hören. Aus der Feder landen die Songs direkt auf der Bühne. Als er sich nach einer Zugabe endgültig verabschiedet, geht sein Weg nicht hinter die Bühne, sondern ohne Umwege ins Foyer. Das Konzert ist zu Ende, doch Wagner weiterhin auf der Suche nach Konversation und Inspiration. Mit viel Small-Talk signiert und verkauft er die am kommenden Tag erscheinende Lambchop-DVD und eine auf die schnelle, gepresste Solo-CD.

Die Songs aus seiner Feder – direkt auf die Bühne – direkt auf CD – begleiten uns so bis zum Einschlafen. Ein gelungener Abend  und wer weiß, vielleicht finden wir uns Oldenburger mit einer kleiner Geschichte auf der nächsten Lambchop-CD wieder. Schließlich sind wir ihm schon einmal im Gedächtnis geblieben, als er Oldenburg bei einem "Hippie-Festival" besuchte – so erinnert sich Kurt Wagner zumindest an seinen ersten Auftritt in Oldenburg beim Kultursommer vor einigen Jahren.

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