Shine like stars in a Dublin night 2


Eine Stadt im U2-Rausch. Euphoriebestärkt mag man das vielleicht behaupten, doch Dublin am Vorabend des ersten Advent ist eher im Weihnachtsrausch. Statt Plakaten und Zeitungsartikeln rund um die Auftritt der größten Helden der Stadt, taumelt Dublin-City in die Weihnachtszeit. All überall auf den Häuserspitzen sah ich goldene Lichtlein sitzen – und noch viel mehr davon in den Straßen. Kaum eine ist nicht im weihnachtlichen Schmuck und wehe, es wiederholt sich. Und die Pubs? Wie sehen die wohl aus, wenn nicht mehr tausende Weihnachts-LEDs leuchten?

Dublin Ende November ist eine Stadt in der Vorweihnachtszeit und erst bei genauerem Hinschauen und Hinhören wird deutlich, hier geht noch was anderes ab: „Half of the city will be there“, orakelt die Verkäuferin im Little Museum of Dublin, in dem ich eigentlich das erste U2 inspirierte Kinderbuch für meine Jungs kaufen wollte. War als Paperback nicht verfügbar, müssen die Kleinen eben in „Raised by Wolves“- und „Hardrock Café Dublin“-Shirts ihre Begeisterung für U2/Dublin kund tun. Und mit „there“ meinte die Verkäuferin natürlich die 3Arena, die früher mal Point Depot geheißen hat, als U2 ihr legendäres (und ausnahmsweise darf man dieses abgegriffene Wort auch benutzen, denn wenn wirklich jeder U2-Fan ein Konzert kennt, darf man es wohl als legendär bezeichnen) Neujahrskonzert dort gegeben haben.

Auch in den Pubs – dort hält man sich in Dublin aufgrund des Wetters, der netten Menschen und der guten Musik wegen häufig auf – spielen die vielen Live-Bands auffällig häufig Songs der Band. Und Hometown-U2 erkennt man daran, dass eben nicht nur „I still haven’t found“ und „Sunday Bloody Sunday“ geträllert wird – hier werden auch mal Raritäten live performed. An „Running to stand still“ oder „Tomorrow“ kann ich mich als Beleg dieser Feststellung erinnern, danach setzt mein Erinnerungsvermögen aus. Ach ja, ich vergaß zu erwähnen – auch zwecks erheblichen Alkohol-Konsums kann man sich im Pub aufhalten, habe ich beobachtet.

Nüchtern beginnt der Tag der Tage. Vielleicht der Tag, auf den ich 25 Jahre gewartet habe. Damals – 1990 – konnte ich diese Wort auswändig:

So welcome Europe to the Point Depot live in Dublin City. And the band, who are going to play for you tonight, is the band, who startet in this city ten years ago. And the band, who is dominated the 80’s … it’s a New Years Eve Party and the live-band is U2!*

*das ist ein Original-Transkript, nicht jeder Muttersprachler beherrscht auch die Grammatik

Mit dem Neujahrskonzert wurde ich U2-Fan gezwungener Maßen. Das ist das Los des jüngeren Bruders, der den einzigen Stereokassettenrekorder im Haus hat, und vom Erstgeborenen der Familie gezwungen wird, dieses Konzert in Dauerschleife zu spielen (Auto-Reverse, ist die zweite Ursache dieses Unheils). Ich konnte mich nicht wehren und wurde U2-Fan.

Einige Konzerte (Kiel, Berlin, Köln, Hannover, Kopenhagen,Köln, Köln, Berlin, Slane Castle, Gelsenkirchen, Berlin, Berlin, Gelsenkirchen, Berlin, Hannover, Köln) und viele Jahre später, konnte ich dann endlich sagen:

So welcome Martin to the Point Depot live in Dublin City

Was wünscht man sich nun als U2-Fan, der schon das kleinste Konzert der vergangenen 30 Jahre in Kiel miterlebt hat, der dabei war, als Bono nur wenige Tage nach dem Tod seines Vaters wieder auf der Bühne stand und der sogar die Möglichkeit hatte, ein Konzert mit dem Fahrrad zu bereisen? Er wünscht sich Songs zu hören, die er noch nie live erlebt hat. Eine Möglichkeit wäre „Gloria“. Er hatte gehofft, noch einmal „Bad“ live zu erleben und hofft zudem, dass auch sein Bruder, der wie erwähnt ursächlich für dieses Leidenschaft verantwortlich ist, seine Wünsche ebenfalls erfüllt bekommt. Da müsste die Band aber schon „New Year’s Day“ spielen – und das kam auf dieser Tour erst zweimal vor. Außerdem möchte Bruderherz „One“ hören, was schwierig wird, denn „One“ und „Bad“ bei einem Konzert gab es bei dieser Tour noch nicht.

Die 3Arena hat mit dem Lokschuppen-Charme des Point Depot nichts mehr gemein. Einzig Teile der Außenfassade sind stehen geblieben, ansonsten wurde eine Art Amphitheater in die Halle gebaut. Die Sitzplätze schweben über dem Innenraum – wird das funktionieren?

20.30 Uhr: Ja, es funktioniert. Bono betritt die Bühne und die Halle bebt. Egal ob teurer Sitzplatz oder „billiger“ Stehplatz, ich sehe nur Menschen am Feiern. Der vergrößerte Innenraum trägt dazu bei, dass das Publikum noch „lauter“ zu sein scheint, als zuletzt in Köln. Vielleicht sind es auch die irischen Kehlen, die mehr hergeben.

U2 DUBLIN 27. NOVEMBER 2015Gleich nach dem Auftakt wird mein erster Traum erfüllt: „Gloria“ erlebt meine Live-Premiere, später freut sich auch Hergen, denn „New Year’s Day“ kommt zum dritten Mal zum Einsatz. Kurz vor dem Ende eine 150-minütigen Show mit unvergesslichen Höhepunkt wie „Shine like stars in an irish night“ darf ich mich dann freuen, denn das unverkennbare Intro von „Bad“ ertönt. Am Ende meiner Gänsehaut wundere ich mich ein bisschen, dass der gewohnte Übergang zu „40“ fehlt. Sie werden doch nicht? Doch sie tun es: Zum ersten Mal auf der Tour werden „Bad“ und „One“ zusammen gespielt. Letzteres singen 10.000 irische, deutsche, kanadische und viele andere wie aus einer Kehle.

Wer weiß, ob das noch einmal zu toppen ist. Vielleicht sollte man nach 25 Jahren U2-Fan auch sagen, das war ein guter Abschluss … vielleicht gehe ich auch einfach zum nächsten Konzert.

 


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